Interview mit Tim Rohrmann

Genderdiskussion - Mädchenförderung passé?

Tim Rohrmann, Diplom-Psychologe und Autor. Beruflich tätig in Fortbildung, Erziehungsberatung und Forschung. Lehrbeauftragter an der Fachhochschule für Sozialwesen, Braunschweig.

Netz-News: Die koedukative Schule ist in die Kritik geraten. Mädchen machen die besseren Abschlüsse und Jungen werden als Bildungsverlierer gesehen. Das Schulsystem wird - wie kürzlich in einer Spiegel ONLINE-Serie zu lesen war - als jungenfeindliches Biotop bezeichnet. Wie sehen Sie das?

Rohrmann: Von Polemik halte ich nichts, aber Mädchen machen im Durchschnitt in der Tat die besseren Abschlüsse, und in den Gruppen der "Bildungsverlierer" (Sonderschüler, Hauptschüler, Abgänger ohne Schulabschluss) sind Jungen überrepräsentiert - und dies ist seit längerem bekannt. Probleme im Sozialverhalten und disziplinarische Verstöße im Schulkontext betreffen häufiger Jungen. Langfristig kann das Zusammentreffen von schlechten Bildungsvoraussetzungen und Orientierung an traditionellen Männlichkeitsvorstellungen, in denen Arbeit eine zentrale Rolle einnimmt, zu einer explosiven Mischung führen. Männliche Jugendliche und junge Männer, denen angesichts schlechter Schulleistungen und nicht ausreichender beruflicher Chancen eine zufrieden stellende Integration in den Arbeitsmarkt verwehrt bleibt, sind auch für andere Risiken des Heranwachsens anfälliger. Und das sind in der Tat Probleme, denen sich Bildungssystem und Kinder- und Jugendhilfe stellen müssen.

Netz-News: Was halten Sie von der Forderung, dass mehr Männer als Lehrpersonal eingesetzt werden sollten?

Rohrmann: Ich finde es wenig zukunftweisend, wenn gesellschaftliche Bereiche nur von einem Geschlecht dominiert werden, und setze mich daher dafür ein, dass es mehr Männer in Kindertageseinrichtungen und Schule gibt - die übrigens nicht nur für die Jungen, sondern auch für die Mädchen wichtig sein können. Aber natürlich reicht die Geschlechtszugehörigkeit allein nicht aus: Männer UND Frauen müssen für geschlechtsbewusste Pädagogik qualifiziert werden. Die Veränderung von Geschlechterverhältnissen ist eine Aufgabe, die Männer und Frauen gemeinsam verwirklichen müssen, und dies setzt eine entsprechende Bereitschaft bei beiden Geschlechtern voraus.

Netz-News: Brauchen wir statt einer Mädchenförderung jetzt eine eigene Jungen-Pädagogik?

Rohrmann: Das Wörtchen "statt" ist in der Frage fehl am Platz. Benötigt wird eine geschlechtsbewusste Haltung in allen Bereichen von Kinder- und Jugendhilfe sowie im Bildungssystem. Mädchen- und Jungenarbeit sind ein wichtiger Teil davon, die geschlechtsbewusste Arbeit mit geschlechtsgemischten Gruppen ein anderer. Es kann gut sein, dass manche Selbstverständlichkeiten der Mädchenförderung aufgegeben werden müssen, und in Bezug auf die Jungen gibt es viel zu tun. In keinem Fall macht es aber Sinn, Mädchen- und Jungenarbeit gegeneinander auszuspielen. Ansonsten halte ich es mit Lotte Rose, die vorschlägt, "die Benachteiligungs- und Bevorteilungsbilder aufzugeben und anzuerkennen, dass beide Geschlechter in dem komplexen und widersprüchlichen Feld gesellschaftlicher Hierarchisierungen je eigene biographische Spannungen zu bewältigen haben, die sich nicht gegeneinander aufrechnen lassen, und dass sie beide spezifischen Normalitätszwängen ausgesetzt sind, die ihre je eigenen Konflikte produzieren" (2000, S. 17).

Netz-News: Was ist eine geschlechterbewusste Pädagogik?

Rohrmann: In Kürze bedeutet es für mich: Jede Arbeit, die geschlechtsbezogene Zusammenhänge gezielt wahrnimmt, thematisiert und reflektiert. Was das genau in der Praxis bedeutet, ist eine andere Frage - aber sicher keine, die in einem Kurzinterview sinnvoll zu beantworten ist. Zur Zeit erstelle ich Arbeitsmaterialen zu geschlechtsbewusster Prävention im Kontext von Gender Mainstreaming für die Landesstelle Jugendschutz, in der Ihre Fragen detailliert und konkret aufgegriffen werden.

Interview zum Download. (Pdf-Datei, 18,3 KB. Hinweis: Zum Lesen von pdf-Dateien benötigen Sie den kostenlos erhältlichen Acrobat Reader).

Quelle
Netz-News 8: "Genderdiskussion - Mädchenförderung passé?", Vernetzungsstelle für Gleichberechtigung, Frauenbeauftragte und Gleichstellungsbeauftragte (Hg.), Hannover, 2003.

Links zum Thema:

Zurück