Das Kritzel-Phänomen als Ausdruck ästhetisch-kultureller Alltagspraxis

Über das, was Jugendliche beschäftigt, kann in Schule nur partiell geredet werden. "Im offiziellen Dialog sind die Stimmen von der Schülerbank nicht gefragt - am allerwenigsten, wenn es um die Hinterbänkler geht", stellt der Siegener Erziehungswissenschaftler Jürgen Zinnecker fest (Zinnecker 2001, S. 154). Es verwundert also nicht, dass Kritzeleien trotz bitterlicher Reinigungsattacken aus der Lebens- und Lernwelt Schule nicht wegzurationalisieren sind, finden ja schließlich in diesen ästhetisch-kulturellen Alltagspraxen die Sprachsymboliken statt, welche der "offizielle Dialog" zu unterbinden versucht.

Kritzeleien2_Imke-NoellDas Kritzel-Phänomen erscheint in unterschiedlichen Räumen, an ungleichen Plätzen sowie zu verschiedenen Zeiten: vor der Klasse, unter dem Tisch, im Unterricht, an der Wand, während der Pause, in der Ecke, auf der Toilette oder in der Umkleidekabine nach dem Sport, es lauert hinter der Tür und setzt sich sogar auf Körpern fest. Das Zeichenmaterial umfasst ein breites Spektrum: So existieren neben zarten Bleistiftkritzeleien auch Bilder und Aussagen, welche mittels kräftigem Edding kreiert wurden. Aber auch unkonventionelle Zeichengeräte, wie beispielsweise funktionsunfähige Stifte oder Taschenmesser, können neben dem vereinzelten Gebrauch von Lebensmitteln zum Einsatz und unter verschiedenen Themen zum Ausdruck kommen.

Doch egal in welchem räumlichen, zeitlichen, grafischen oder thematischen Rahmen diese Kritzeleien platziert werden, ob sie autonom, im Verbund oder ergänzend auftreten: Sie sind Erscheinungen und Erzeugnisse einer ästhetisch erfahrbaren Welt, fungieren mit dem Verweis auf frühkindliche Zeichenprozesse als "anthropologische Konstante" (vgl. Stritzker/ Peez/ Kirchner 2008, S. 9) und existieren auch weiterhin neben Smartphone & Co. Durch ihre Multilokalität sind sie Vernetzungen von (jugend-)kulturellem Bewusstem und Unbewusstem und nicht zuletzt von Schule als Lebenswelt, sozialem Ort und letztlich symbolischem Erfahrungsraum.

Um als Lehrende oder Lehrender diese Vielschichtigkeit von Jugend in Schule erschließen zu können, bedarf es neuer Lesearten. Es lohnt sich daher, die collagierten Zwischensphären wahr- und schließlich auch anzunehmen. Gerade unter gendertheoretischer Perspektive kann der Blick unter die Schulbank festgefahrene Wahrnehmungsmuster verändern, nur so könnten im Hinblick auf festgesetzte Unterrichtsinhalte interdisziplinäre Dialoge hergestellt und damit letztlich in Schulkultur vernetzt werden. Das große Themenfeld "Liebe", welches sich im Kritzelgeschehen in unterschiedlichen Variationen abzeichnet - ob nun in der Abbildung von Geschlechterstereotypen oder aber der gravierenden Darstellung einer oppositionellen Schülerschaft - könnte durch fächerübergreifende Transkription an Transformation erfahren und letztlich doch beschreibbar werden.

Text und Fotos: Imke Noell

Literatur

  • Stritzker, Uschi / Peez, Georg / Kirchner, Constanze: Frühes Schmieren und erste Kritzel. Anfänge der Kinderzeichnung, Books on Demand, Norderstedt 2008. Mehr
  • Zinnecker, Jürgen: Stadtkids. Kinderleben zwischen Straße und Schule. Juventa Verlag, Weinheim und München 2001. Mehr
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Die Autorin
Imke Noell studiert an der Universität Siegen die Fächer Pädagogik und Kunst für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen. In ihrer 2012 verfassten Staatsarbeit hat sie sich mit dem Kritzel-Phänomen, der ästhetischen Alltagspraxis von Jugendlichen im Kontext von Schule als Forschungsraum beschäftigt. Die Autorin arbeitet neben Ihrem Studium als studentische Mitarbeiterin im Departement Erziehungswissenschaft - Psychologie, am Lehrstuhl der Allgemeinen Pädagogik.