Forschung zur gendersensiblen Bewegungserziehung

Die frühkindliche Bewegungssozialisation von Jungen und Mädchen wird durch das erzieherische Umfeld klar zweigeschlechtlich vorstrukturiert. Diese erste Zwischenbilanz zieht das Forschungsteam eines Projekts an der Georg-August-Universität Göttingen unter der Leitung von Prof. Dr. Ina Hunger und Prof. Dr. Renate Zimmer.


Das Projekt "Geschlechtsspezifische Körper- und Bewegungs-sozialisation in der frühen Kindheit" wird im Rahmen des Forschungverbundes "Frühkindliche Bildung und Entwicklung Niedersachsen" durchgeführt. Leitfragen des Projekts sind: Mit welchen (geschlechtsbezogenen) Vorstellungen erziehen und sozialisieren Eltern und Erzieherinnen oder Erzieher die Jungen und Mädchen im Bereich Körper und Bewegung (bewusst oder unbewusst)? Welche geschlechtsbezogenen Vorstellungen haben vier- bis sechsjährige Mädchen und Jungen in Hinblick auf Körper und Bewegung entwickelt? Inwiefern sind diese im Kontext von Bewegungsaktivitäten orientierungswirksam?


Den ersten Forschungsergebnissen nach legen Eltern sowie Erzieherinnen und Erzieher den Kindern bereits früh ausgewählte "geschlechtsspezifische" Bewegungsbedürfnisse, -motive und -aktivitäten nahe bzw. unterstellen und verstärken diese.


Das Bild des actionbereiten und wettbewerbsorientierten Jungen ist (bewusst oder unbewusst) präsent und wird vom erzieherischen Umfeld durch entsprechende Bewegungsangebote unterstützt. Das Forschungsteam stellt fest: "Ferner werden durch einschlägiges Spielzeug, vor allem aber durch eine allgegenwärtige körpernahe Symbolik (Spiderman, wilde Kerle, Piraten) auf Accessoires und Kleidung, klare Identitätsangebote gemacht. Diese stecken den Erwartungshorizont für ‚Junge sein´ im Kontext des Bewegungsverhaltens einschlägig ab. In bildungsfernen Familien scheint dieses männliche Identitätsangebot noch ausgeprägter zu sein."


Im Alter von etwa vier Jahren zeigen sich Sozialisationseffekte und die verinnerlichten Erwartungen an das 'Junge sein' häufig im Verhalten. Jungen suchen den körperlichen Vergleich und die Dominanz, fallen durch "Rumrasen" und Lautsein auf. Das erzieherische Umfeld gerät schnell in Versuchung, dieses Verhalten als "angeboren" zu interpretieren und die Jungen durch entsprechende Angebote in ihrem Verhalten zu unterstützen.


Die Verhaltenserwartungen an Mädchen sind weiter gefasst, ihnen wird auch das "Wildsein", "Power haben" und "Mutigsein" zugestanden. Im Vergleich zu kooperativen und kreativen Bewegungsmustern wird solches Verhalten jedoch selten aktiv gefördert. Im Kindergartenalter vermittelt das erzieherische Umfeld Mädchen den Eindruck, dass sie zwar kämpfen und wild sein dürften, aber dass die entsprechenden Bewegungsmuster eigentlich für Jungen und nicht für Mädchen typisch sind. "Im Sinne eines Aufbaus einer sozialen geschlechtlichen Identität und nicht zuletzt in Abgrenzung von Jungen verzichten also Mädchen vielfach darauf, die potenzielle Bandbreite ihres Bewegungskönnens bzw. ihrer Bewegungsbedürfnisse zu zeigen", folgert das Forschungsteam.


In der zweiten Forschungsphase, die voraussichtlich bis September 2013 laufen wird, sollen Kinder und Familien im Mittelpunkt stehen, die vom als 'typisch' Erachteteten abweichen. Ziel ist die Erstellung von Arbeitsmaterialien, mit denen die Gendersensibiliät im Bereich Bewegung erhöht werden kann.


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Forschungsverbund-Frhkindliche-Bildung-Nds


Quelle: Forschungsverbund frühkindliche Bildung und Erziehung Niedersachsen unter www.forschungsverbund-fbe.de


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