Sport

Als Bewertungsskriterium für sportliche Leistungsfähigkeit zählen Kraft, Schnelligkeit, Durchsetzung und körperliche Auseinandersetzung. Dieses Leistungsverständnis entspricht den Bedürfnissen und Voraussetzungen von vielen Mädchen und auch von einigen Jungen nicht. Mädchen schreiben sich selbst eher wenig und den Jungen eine größere sportliche Selbstkompetenz zu. Jungen zeigen ein wesentlich größeres Selbstvertrauen in ihre sportliche Leistungsfähigkeit und dominieren den Unterricht. Besonders bei Ballspielen kommen Mädchen oft nicht zum Zuge, werden von den Jungen als schwach, ängstlich und leistungsbehindernd abqualifiziert und ziehen sich zurück.

Durch diese Geschlechterdynamik im Unterricht werden letztlich beide Seiten eingeschränkt und um wichtige Erfahrungen gebracht. Die Jungen bleiben auf bestimmte Sportarten und Verhaltensweisen fixiert und erhalten wenig Möglichkeit, andere Bewegungserfahrungen zu erproben. Die Mädchen bekommen unter der Dominanz der Jungen zu bestimmten Sportarten keinen Zugang und ihre Leistungen werden abgewertet. Der Teil der Jungen, die dem oben genannten Leistungsverständnis nicht entsprechen, läuft Gefahr, als nicht männlich zu gelten.

Mit der Pubertät werden sportliche Anforderungen zum Rollenkonflikt
Mit der Pubertät verringern viele Mädchen ihr Sportengagement. Sie müssen sich mit Veränderungen ihres Körpers auseinandersetzen, mit ihrem veränderten Rollenbild und dem Druck, weiblichen Normen zu genügen. Entsprechend dem gesellschaftlichen Bild von Weiblichkeit spielen für sie Aussehen und Attraktivität eine große Rolle. Die Anforderungen im Sportunterricht werden dazu als Widerspruch erlebt. Sich körperlich anstrengen, offensiv und durchsetzungsfähig sein, Raum einnehmen und konkurrieren sind Verhaltensweisen, die als Widerspruch zum weiblichen Schönheitsideal wahrgenommen werden. Darüberhinaus führen Ängste vor körperlichen und sexuellen Übergriffen sowie vor abwertenden Äußerungen zu einem vermeidenden Verhalten oder Rückzug.

Gemeinsam oder getrennt? - Risiken und Chancen
Koedukativer Sportunterricht, wenn er nicht auf individuelle Bedürfnisse eingeht und geschlechtstypische Unterschiede berücksichtigt, verstärkt die Ungleichgewichte und schließt bei vielen Sportarten die Mädchen unterschwellig aus und nimmt ihnen Entwicklungsmöglichkeiten. Geschlechtertrennung als grundsätzliche Lösung würde andere Nachteile nach sich ziehen. Zum einen wünschen viele Mädchen - trotz aller Probleme - gemeinsamen Sportunterricht. Beide Geschlechter würden der Chance beraubt, voneinander zu lernen und eine gleichberechtigte Auseinandersetzung zu führen, die die gegenseitigen Stärken und Schwächen respektiert. Zudem bestünde die Gefahr, dass mit der Geschlechtertrennung alte Vorurteile über die Leistungsfähigkeit von Mädchen fortgesetzt und Mädchenkurse eine geringere Wertschätzung erfahren würden.

Differenzierte parallele Angebote, die Mädchen und Jungen entsprechend ihrer Neigung wählen können, sowie eine phasenweise Geschlechtertrennung oder homogene Arbeitsgemeinschaften, könnten beide Geschlechter da fördern, wo sie Unterstützung brauchen und die Fixierung auf bestimmte Bewegungs- und Sportarten aufbrechen.

Sportverständnis und Unterrichtsziele neu überdenken
Für einen geschlechtergerechten Unterricht bedarf es einer Neuorientierung auch der Themen und Inhalte. Im Sportunterricht kann es um viele Lernziele gehen, von denen sportliche Leistung im herkömmlichen Sinne nur eines ist. Sportunterricht hat viele Perspektiven und Themen - u.a. Gesundheit, Spaß und Freude, Bewegungserfahrung und -gestaltung, körperlicher Ausdruck, Körper- und Sinneserfahrung, Raumaneignung, Wagnis und Verantwortung und nicht zuletzt Verständigung und soziales Lernen. Bewegung und körperlicher Ausdruck sind für Jungen wie Mädchen ein elementarer Teil ihrer Geschlechtsidentität. Mit einem vielfältigen Angebot, das Schülerinnen und Schülern ein breites Spektrum von Bewegungserfahrungen und Sportarten vermittelt und einer geschlechtersensiblen Ausgestaltung könnte gerade der Sportunterricht ein Lernfeld für eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen werden.

Links zum Thema

Literatur

  • Heidi Scheffel: "MädchenSport und Koedukation. Aspekte einer feministischen Sportpraxis". AFRA. Butzbach-Griedel 1996

  • "Achtung-fertig-los?!" - Sport- und Bewegungsangebote mädchen- und frauengerecht gestalten, Dokumentation der 13. Tagung des Netzwerkes Frauen/Mädchen und Gesundheit Niedersachsen. Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit (Hg.) , 2002
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