Interview | Kinder sollen sich auf das Lesen freuen können

Insa Reichwehr ist Lehrerin an der Grundschule An der Feldbuschwende in Hannover und hat außerdem eine zweijährige Weiterbildung zur Beratungslehrerin abgeschlossen. In dieser Funktion berät sie Kolleginnen und Kollegen bei persönlichen Anliegen und Problemen im beruflichen Umfeld und führt Elternberatungsgespräche. Als Fachberaterin für das Fach Deutsch unterstützt sie außerdem Kolleginnen und Kollegen des Primarbereichs bei Fragen zur Umsetzung des Kerncurriculums Deutsch.

Lesefoerderung_Buecher_120pxErfolge oder Misserfolge in der Leseförderung sind keine Frage des Geschlechts, meint die Pädagogin, sondern sie hängen vom Unterrichtskonzept ab. Im Interview mit Gender und Schule erzählt sie von ihren Erfahrungen.



In welchem Lernzusammenhang ist Leseförderung in der Schule zu sehen?

Insa Reichwehr: Nach den seit 2006 gültigen Kerncurricula aller Schulfächer müssen Lehrkräfte neben der inhaltlichen Ebene der Wissensvermittlung auch den Lernprozess der Kinder im Hinblick auf Methoden, Techniken und Kompetenzen des Wissenserwerbs vermitteln und beurteilen. Im Fach Deutsch werden zu je einem Drittel Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Teilbereichen "Sprechen und Zuhören", "Schreiben" sowie "Lesen – mit Medien und Texten umgehen" beurteilt. Alle drei Teilbereiche basieren auf "Sprache und Sprachgebrauch untersuchen".

Deutschunterricht nach dem Kerncurriculum erfordert daher veränderte Formen des Lernens und Lehrens, um unterschiedlichen Entwicklungsständen gerecht zu werden. Idealerweise sollte er individualisiert, kooperativ und prozessorientiert sein. Als ein Ergebnis im Bereich Schreiben wäre beispielsweise ein Lerntagebuch denkbar, das die Kinder mit selbstgeschriebenen Texten im Laufe ihrer Schulzeit selbst gestalten können. Vor diesem Hintergrund ist Leseförderung zwar nur ein Teilbereich der Notengebung, aber Lesevermögen und Textverständnis sind natürlich grundlegend für alle Schulfächer.

Wie gelingt Leseförderung?

Insa Reichwehr: Rituale und Strukturen sind wichtig, damit Kinder sichere Leserinnen und Leser werden. Eine der sechs Deutschstunden pro Woche ist eine ritualisierte Lesestunde. Die Kinder lesen dann die Bücher, die sie sich während der Bibliotheksbesuche ausgeliehen haben. Weitestgehende Freiheit bei der Buchauswahl ist ebenso wichtig. Die Kinder dürfen nach bestimmten Regeln ausleihen, was ihnen gefällt. Es werden entweder mindestens zwei Erzählbücher oder mindestens ein Erzähl- und ein Sachbuch ausgeliehen. So lernen sie mit unterschiedlichsten Textarten umzugehen.

Die Buchauswahl wird seitens der Lehrkraft nicht bewertet. Die Kinder entscheiden sich je nach ihrem Lesevermögen für ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen und wählen fast immer instinktiv Bücher, die sie bewältigen können. Darunter können auch Bilderbücher mit einfachen Texten sein. Später greifen sie dann zu anspruchsvolleren Büchern.

Welche Fehler können Eltern und Lehrkräfte bei der Leseförderung vermeiden?

Insa Reichwehr: Immer wieder ist zu beobachten ist, dass Kinder an Lesebuchtexten schnell das Interesse verlieren, wenn die ganze Klasse denselben Text lesen muss. Besser ist es, wenn sie die Themen ihrer Texte frei wählen können.

Es ist wichtig, Kinder möglichst nicht in unangenehme Situationen beim Lesen zu bringen. Sie sollten sich auf´s Lesen freuen, wenn sie einen Text – wo auch immer – sehen. Vorlesen vor der Klasse ist deshalb möglichst zu vermeiden, es sei denn, ein Kind möchte sich gerne darin ausprobieren. Viele Kinder haben Angst sich zu blamieren, schwierige Wörter nicht richtig zu lesen. Lesen darf keinen Leistungszwang erzeugen. Besser ist es, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, in der die Kinder leise lesen. Sie sollen nicht der Lehrkraft vorlesen, sondern für sich allein oder mit den Eltern, die als Lesemütter oder –väter für diese Lesestunde in die Schule kommen. Die Eltern können dann anhand der offen gelegten kerncurricularen Kriterien Lesevermögen und Textverständnis der Kinder versuchen einzuordnen. Die Benotung liegt selbstverständlich nach wie vor in Händen der Lehrkraft.

Gibt es "guten" und "schlechten" Lesestoff?

Insa Reichwehr: Wichtig ist vor allem, dass Kinder gerne lesen, keine Scheu davor haben oder entwickeln und eine Lesefreude entwickelt und / oder beibehalten wird. Ob es sich dabei um ein ganzes Kinderbuch handelt oder um ein Sachbuch mit kurzen Textabschnitten ist nicht entscheidend. Sie müssen auch ein Sachbuch nicht von vorn bis hinten durchlesen, denn Lesen ist auch eine Technik, zu der die Auswahl bestimmter Teile oder Textpassagen gehört. Sachbücher werden selten komplett gelesen – die Fülle an Sachinformationen beispielsweise der "Was ist was?"-Reihe ist immens.

Auch Comics dienen der Leseförderung, solange die Dialoge aus vollständigen Sätzen bestehen und nicht nur Bilder und Ausrufe den Inhalt bilden.

Lesen Jungen "anders" oder nur "anderes" als Mädchen?

Insa Reichwehr: Jungen erlernen das Lesen nicht anders und sie sind auch keine schlechteren Leser. Unterschiede finden sich jedoch bei den Interessensgebieten: Mädchen wählen eher Bücher über Pferde, Freundschaft oder "kuschelige Tiere" wie Hamster oder Kaninchen. Jungen begeistern sich mehr für gruselige und spannende Geschichten, Technik, sehr häufig Fußball, "gefährliche" oder beeindruckende Tiere wie Dinos, Schlangen oder Spinnen. Sie interessieren sich auch häufiger als Mädchen für geschichtliche Themen wie das Mittelalter und Ritterleben.

Einige Buchreihen wie das "Magische Baumhaus" oder Detektivgeschichten lesen Mädchen genauso gern wie Jungen.

Welche Rolle spielen männliche Vorbilder für das Leseverhalten von Jungen?

Insa Reichwehr:
Eine wichtige Rolle spielen lesende Männer – sie fehlen oft als Vorbilder. Kinder werden meist von ihren Müttern betreut, ein nicht geringer Anteil der Kinder im Stadtgebiet Kronsberg lebt in Einelternfamilien. Dort, wo Väter im Haushalt leben, sehen Kinder sie nur (manchmal) Zeitung und seltener in einem Buch lesen. Was jedoch oft beobachtet werden kann, sind Väter (seltener Mütter) am PC, auch spielender Weise... Auch in Kita und Schule fehlen die männlichen Bezugspersonen. Das müsste sich dringend ändern, doch auch das niedrige Gehaltsniveau in pädagogischen Berufen hält viele Männer eher davon ab, dort zu arbeiten.

Wie ist ein gleichberechtigter Umgang von Frauen und Männern, Jungen und Mädchen in der Schule möglich?

Insa Reichwehr:
Es bedeutet vor allem, andere mit dem eigenen Verhalten nicht zu beschämen. Eine konsequente sprachliche Gleichbehandlung beider Geschlechter in Schulbüchern, Arbeitsblättern für die Kinder, im Kollegium, in der Kommunikation mit Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern, etwa in Elternbriefen und Info-Materialien, sind wichtige Schritte zum gleichberechtigten Umgang miteinander.


Hinweis zur Ergänzung: Die Kerncurricula für alle Fächer und Schulformen stellt der Niedersächsische Bildungsserver unter www.nibis.de bereit.

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