Interview | Gemischte Teams finden nicht von selbst zusammen

GIS-AG-Oldenburg_zwei-Teilnehmerinnen_Foto-Jade-Hochschule-Oldenburg_120pxIn Kooperation mit verschiedenen Oldenburger Schulen bot die Jade Hochschule Oldenburg in zwei Schulhalbjahren eine Geoinformationssystem-AG (GIS-AG) für Schülerinnen und Schüler der 6. und 7. Klassen an. Diese Kooperation entstand im Rahmen des von der EU geförderten Projektes "Technikinteresse von Mädchen an Themen der Geoinformatik". Nadine Glade und Dr. Bernhard Sturm begleiteten das Projekt und berichten im Interview mit Gender und Schule von ihren Erfahrungen.

Nadine Glade ist Politologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Projekt, zuständig für die sozialwissenschaftliche Begleitstudie. Dr. Bernhard Sturm ist Chemie- und Physiklehrer und Leiter einer geowissenschaftlichen Schüler-AG am Neuen Gymnasium.

Worin besteht die Zusammenarbeit zwischen der Jade Hochschule Oldenburg und verschiedenen Oldenburger Schulen?

Bernhard Sturm: Für unsere Schülerinnen und Schüler bot sich damit in frühem Lebensalter die Möglichkeit, einmal mit einer Hochschule in Kontakt zu treten und die Scheu vor einer solchen Institution zu verlieren. In vielen Fällen bestand auch eine Unsicherheit zum räumlichen Weg zur Jade Hochschule, da sie nicht unmittelbar neben unserer Schule liegt. Wir haben deshalb in Absprache mit den Leitern der GIS-AG insgesamt 3-mal einen kompletten Jahrgang aus ihrer regulären naturwissenschaftlichen Doppelstunde ausgeplant, um vorab gemeinsam per Fuß zu einer informierenden und werbenden "Geopräsentation" an der Jade Hochschule zu gehen.

Nadine Glade: Während der Zeiten der AG haben sich interessierte Lehrerinnen und Lehrer der beteiligten Schulen etwa alle 3-4 Monate zu einer Besprechung an der Jade Hochschule getroffen. Dabei wurden die vorausgehenden Schritte besprochen und das weitere Vorgehen geplant.

Welche "technischen" Aufgaben haben Schülerinnen und Schüler in der GIS-AG zu lösen?

Bernhard Sturm: Neben Fachwissen wird in besonderem Maße das methodische und räumliche Denken und der Umgang mit moderner Technik wie GPS und GIS geschult. Welche Daten möchte ich erheben? Welche Methode ist für deren Gewinnung die sinnvollste und effektivste? Wie stelle ich die Messungen in einer Karte oder in einem GIS raumbezogen dar? Kann ich aus der Darstellung Schlussfolgerungen ziehen und diese überzeugend präsentieren? All diese Schritte wurden in der AG strukturiert und systematisch beginnend mit einfachen Beispielen bis hin zum komplexen Beispiel bearbeitet. Dabei wurde den Schülerinnen und Schülern klar, dass die Schritte aufeinander aufbauen und keiner losgelöst vom anderen gesehen werden kann.

Gehen Jungen und Mädchen unterschiedlich an die Lösung dieser Aufgaben heran?

Nadine Glade: In unserer Stichprobe und auch in anderen Studien lässt sich das nicht nachweisen. Vielmehr ist es eher so, dass weder Mädchen noch Jungen als eine homogene Gruppe gesehen werden können. Manche Jungen gehen ganz anders an das Lösen der Aufgaben heran als andere Jungen. Genauso verhält es sich bei den Mädchen. Manche Kinder sind experimentierfreudiger als andere, aber das ist nicht zwingend geschlechtsspezifisch bedingt.

Wie sieht die Arbeitsverteilung in gemischten Teams aus? Oder bilden sich eher reine Jungen- und Mädchenteams?

Nadine Glade: Es gab ja eine gemischtgeschlechtliche Gruppe und eine reine Mädchengruppe. In der Mädchengruppe haben natürlich nur Mädchen miteinander gearbeitet und das sehr gut. Obwohl sich nicht alle kannten, waren sie sehr offen und interessiert an den anderen Mädchen und haben sich schnell 'angefreundet'.

In den gemischtgeschlechtlichen Gruppen waren die Mädchen isolierter und sind auch weniger aufeinander zugegangen – also auch nicht die Mädchen untereinander. Kontakt zu den Jungen gab es hier sehr wenig und wenn, dann wurde dieser eher durch den AG-Leiter bei der Gruppeneinteilung initiiert. Dieses 'nicht miteinander arbeiten wollen' fand dabei bei beiden Geschlechtsgruppen statt. Einige der Jungen gaben in den Interviews an, dass sie 'Angst' davor gehabt hätten, mit den Mädchen in einer Gruppe arbeiten zu müssen. Den Mädchen wäre es nach eigenen Aussagen 'egal' gewesen, dennoch haben sie die Zusammenarbeit in einem gemischten Team nie von sich aus gewählt.

Warum eignet sich die GIS-AG Ihrer Ansicht nach, um Technikinteresse von Mädchen zu fördern?

Bernhard Sturm: Nach meinen Projekterfahrungen - auch außerhalb dieser AG - eignen sich grundsätzlich Themen besonders für Mädchen, die in einem Kontext, z.B. zur Medizin oder Umwelt stehen. Geografische Bezüge können ebenso als Umfeld dienen wie die Astronomie, die früher in Schulen der östlichen Bundesländer erfolgreich als eigenes naturwissenschaftliches Fach gelehrt wurden.

Welche Hemmungen müssen Mädchen überwinden?

Nadine Glade: Bei den Mädchen, die sich für die AG angemeldet haben, lassen sich für die Gruppen, die an unserer Studie teilgenommen haben, keine spezifischen Hemmungen ausmachen. Sie sind interessiert, verfügen über sehr gute mathematisch-naturwissenschaftliche Kenntnisse und kommen mit allen Aufgaben sehr gut zurecht. Dass Mädchen mit dem PC nicht umgehen können, ist eine veraltete Annahme, die nicht nur durch unsere Studie widerlegt wird.

Das Problem setzt früher an: Die Annahme, dass Mädchen und Frauen mathematisch-technisch uninteressiert bzw. unbegabt sind, hält sich hartnäckig – auch bei Lehrkräften und Eltern. Zudem gelten Naturwissenschaft und Technik als harte männliche Wissenschaften, was dazu führt, dass Mädchen sich schlechter mit ihnen identifizieren können und bei Gleichaltrigen schnell als 'uncool' gelten wenn sie sich dennoch dafür interessieren.

Aus den genannten Gründen tragen die direkten Bezugspersonen von Mädchen häufig nicht dazu bei, sie in 'geschlechtsuntypischen' Begabungen zu stärken und zu fördern. Hier bedarf es neben der Förderung von Mädchen auch einer Sensibilisierung von Mitschülerinnen und Mitschülern, Lehrkräften und dem privaten Umfeld.

Ist eine GIS-AG nur in Kooperation mit einer Hochschule möglich oder reicht der PC-Raum einer Schule dafür aus?

Nadine Glade: Im Prinzip reicht ein PC-Raum an einer Schule aus. Programme wie z.B. Google Earth oder Google Maps können jederzeit kostenlos verwendet werden. Daneben gibt es weitere kostenfreie GIS-Programme und die Möglichkeit Daten des Landesamtes für Geoinformation und Landentwicklung Niedersachsen zu nutzen.

Bernhard Sturm: Anspruchsvollere Programme wären von den Kommunen zu finanzieren, bedürfen aber auch einer längeren Einarbeitungszeit von allen Beteiligten. Gerade für fachübergreifende Seminarfächer der Oberstufe kann dies aber durchaus sehr sinnvoll sein.

Nadine Glade: Schwieriger ist es bisher Lehrerinnen und Lehrer zu finden, die mit Geoinformationssystemen umgehen können. Hier bedarf es gezielter Schulungen, wie wir sie im Rahmen des Projektes für unsere Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartner angeboten haben, um Lehrkräften auf diesem noch neuen Gebiet 'Nachhilfe' zu geben. Da die Nutzung von GIS im Geografieunterricht an niedersächsischen Schulen nach dem Kerncurriculum im Fach Erdkunde weiterhin eine 'Kann-Option' und keine 'Muss-Option' ist, können Schulleiterinnen und Schulleiter nach wie vor selbst bestimmen, ob und in welchem Umfang GIS an ihrer Schule in den Unterricht integriert werden soll. Sollte es in den nächsten Jahren verpflichtend werden, müssten angehende Geografielehrerinnen und Geografielehrer bereits im Studium im Umgang mit GIS geschult werden.

Foto: Jade Hochschule Oldenburg

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Weiterführende Informationen zu dem Projekt und den Kontaktpersonen unter: www.jade-hs.de/service-verwaltung/gleichstellungsstelle/
projekte/gis-ag/