Interview mit Prof. Dr. Doris Lemmermöhle

Genderdiskussion - Mädchenförderung passé?

Prof. Dr. Doris Lemmermöhle ist Professorin für Pädagogik an der Georg-August-Universität Göttingen mit den Forschungsschwerpunkten Berufsorientierung junger Frauen und Männer; Didaktik und Geschlechtersozialisation.

Netz-News: Welchen Einfluss haben Eltern und Schule auf die Berufswahl von Mädchen?

Lemmermöhle: Sowohl die Eltern als auch die Schule haben einen erheblichen Einfluss auf die Berufswahl von Mädchen allerdings auch von Jungen. So wird allein schon der Bildungsweg der Jugendlichen, der eine entscheidende Weichenstellung für die spätere Berufswahl hat, erheblich von der sozialen Herkunft und von den beruflichen Qualifikationen der Eltern beeinflusst. Es sind vor allem die Eltern, die ihren Kindern direkt oder indirekt Anregungen für die Berufswahl geben oder als positive oder negative Vorbilder auf die Berufswünsche einwirken. Nach vorliegenden Untersuchungen, scheinen die Eltern den Jugendlichen zu raten, einen Beruf zu wählen, der Spaß macht, der sicher ist, der ein ausreichendes Einkommen bietet und Aufstiegschancen. Letztlich aber folgt die Berufswahl oft nicht diesen rationalen Kriterien, sondern häufig sind das Ausbildungsplatzangebot, eine diffuse Einschätzung der Berufschancen viel entscheidender. Die Schulen nehmen allein darüber Einfluss, dass sie die vorberufliche Qualifizierung vermitteln und die Schulabschlüsse vergeben, die entscheidend sind für den Zugang zu beruflichen Ausbildungen.

Generell aber wissen wir empirisch abgesichert wenig über den Einfluss von Elternhaus und Schule auf die Berufsfindung von Jugendlichen, insbesondere auch nicht darüber, ob und in welcher Weise Eltern und Lehrpersonen die Berufswahl geschlechtsspezifisch beeinflussen.
Aus den wenigen vorliegenden Untersuchungen lässt sich aber folgern, dass sie eher eine die Geschlechtsspezifik verstärkende Rolle spielen und zwar teilweise gegen ihre erklärte Absicht. So sind zum Beispiel die Leistungen der Mädchen in mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern nicht geringer als die der Jungen wie jüngst erst PISA belegt hat, wohl aber beeinflusst die geschlechtsspezifische Stereotypisierung von Fächern durch Lehrpersonen das Interesse und das Selbstwertgefühl der Mädchen in mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern negativ und scheint zur viel beklagten Abwahl dieser Fächer von Seiten der Mädchen beizutragen (vgl. Keller 1997, 137ff).

Eltern nehmen bei ihren Töchtern offensichtlich vor allem Fähigkeiten wahr, die als "typisch" weiblich gelten: kommunikative Fähigkeiten, soziale Fähigkeiten. Sachbezogene Kompetenzen, technische Fähigkeiten, mathematische Leistungen dagegen werden von den Eltern bei ihren Töchtern weniger wahrgenommen und unterstützt. Indirekt also werden Mädchen von den Eltern bei der Wahl solcher Berufe unterstützt, die als "frauentypisch" gelten. Unsere Längsschnittuntersuchung zeigt, dass vor allem gegen Ende des Berufsfindungsprozesses die Mütter auf die Berufswünsche der Töchter Einfluss nehmen und dies insbesondere dann, wenn sie befürchten, dass dieser Beruf mit einem Ausstieg aus dem sozialen Herkunftsmilieu verbunden sein könnte.

Netz-News: Gibt es unterschiedliche Spielregeln, die für Jungen und Mädchen beim Übergang von der Schule in den Beruf gelten, und wie sehen die aus?

Lemmermöhle: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Kategorie "Geschlecht" längst nicht mehr die gleiche Ordnungsfunktion wie noch Mitte des letzten Jahrhunderts, offiziell gelten gleiche Spielregeln für Mädchen und Jungen, und hinsichtlich der Bildungsvoraussetzungen stehen die Mädchen den Jungen in nichts nach, im Gegenteil. Aber ganz offensichtlich können die jungen Frauen das von ihnen erworbene Bildungskapital nicht in gleichem Maße in berufliche Perspektiven umsetzen wie junge Männer. Dies scheint sowohl daran zu liegen, dass sich junge Frauen in der Lebensphase, in die die Berufswahl fällt, verstärkt mit Geschlechterstereotypen auseinandersetzen müssen, dass das Berufssystem mit seiner Einteilung in Frauen- und Männerberufe geschlechtsspezifisch kanalisiert, dass junge Frauen stärker als junge Männer ins Kalkül ziehen müssen, ob und welche beruflichen Chancen sie in einem Beruf haben. So zeigen die Untersuchungen, dass auch eine geschlechtsuntypische Berufs- und Studienwahl Frauen keineswegs vor - im Vergleich mit Männern - erhöhter Erwerbslosigkeit und schlechteren Verdienstmöglichkeiten schützt. Implizit oder explizit wird Frauen noch immer eine zeitlich befristete Berufstätigkeit und die Verantwortlichkeit für die Haus- und Familienarbeit unterstellt. Das heißt junge Frauen werden durchaus mit spezifischen Spielregeln konfrontiert mit denen sich junge Männer nicht auseinander setzen müssen.

Netz-News: Was halten Sie von der Forderung, dass mehr Männer als Lehrpersonal eingesetzt werden sollten? Es wird ja mittlerweile fast abfällig von einer Feminisierung der Pädagogik gesprochen (Focus, Spiegel-ONLINE).

Lemmermöhle: Erstens: dass Berufe an Wertschätzung verlieren, wenn Frauen in ihnen dominieren, ist historisch nicht neu. Dies lässt sich an vielen Berufen nachweisen, denken wird nur an die Büroberufe oder an den Beruf der technischen Zeichnerin. Gerade dieser Wechsel von Frauen- zu Männerberufen und umgekehrt und das damit verbundene jeweils unterschiedliche Ansehen der Berufe ist ein Beleg dafür, dass es bei der Zuordnung von Berufen zu Frauen und Männern eben nicht um geschlechtsspezifische Fähigkeiten geht, sondern um Ausgrenzungs- und Schließungsprozesse.
Zweitens: Selbstverständlich stütze ich die Forderung, dass mehr Männer in Kindergärten und Grundschulen tätig sein sollten, aber eben auch mehr Frauen in der Oberstufe des Gymnasiums oder in Leitungspositionen. Dies allein schon um Kindern und Jugendlichen eine Vielfalt von Vorbildern, von Fähigkeiten, von Verhaltensweisen zu präsentieren, um Stereotype und Einseitigkeiten aufzubrechen und unterschiedliche Identifikations- und Abgrenzungsmöglichkeiten zu bieten.

Netz-News: Sind Männer tatsächlich die besseren Lehrer für Jungen?

Lemmermöhle: Nein, aber ich würde es sehr begrüßen, wenn sie versuchten, bessere Väter und Lehrer zu werden.

Netz-News: Ist Mädchenpädagogik out - brauchen wir jetzt eine eigene Jungen-Pädagogik?
Lemmermöhle: Weder das eine noch das andere, was wir brauchen ist eine geschlechterbewußte Pädagogik. Gerade die Ergebnisse von PISA zeigen, dass es deutschen Schulen bisher ganz offensichtlich nicht ausreichend gelingt mit Unterschiedlichkeiten umzugehen, sei es mit der Unterschiedlichkeit nach Geschlecht, nach sozialer Herkunft, nach Ethnie oder nach Leistung. In deutschen Schulen wird - von der Kategorie Geschlecht ausgenommen - separiert. Gerade PISA aber zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, heterogene Gruppen zu fördern. Es gibt meines Erachtens keine spezifische Mädchen- oder Jungenpädagogik, aber es gibt durchaus Jungen und Mädchen, die in bestimmten Bereichen unterschiedliches lernen müssen, und die deshalb auch unterschiedlich gefördert werden müssen. Aber dazu braucht es keine Jungen- oder Mädchenpädagogik, sondern eine Pädagogik, die das individuelle Kind und seine Gewordenheit berücksichtigt.

Das Interview steht als pdf-Datei zum Download zur Verfügung.

Quelle:
Netz-News 8: "Genderdiskussion - Mädchenförderung passé?", Vernetzungsstelle für Gleichberechtigung, Frauenbeauftragte und Gleichstellungsbeauftragte (Hg.), Hannover 2003.

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