WZB | Lehrerinnen und der Schulerfolg von Jungen: kein negativer Zusammenhang

"Die Frauen sind schuld" - so lautet eine gängige These, die das vergleichsweise schlechte Abschneiden von Jungen in der Schule erklären soll: Durch den hohen Frauenanteil im Lehrerberuf fehle es nämlich den Jungen für ihren schulischen Erfolg an männlichen Vorbildern. Marcel Helbig, Forscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung hat mit Andreas Landmann und Martin Neugebauer von der Universität Mannheim überprüft, ob die vermeintliche Feminisierung der Schule negative Folgen für den Bildungsweg von Jungen hat. In zwei in Kürze erscheinenden Studien belegen die Wissenschaftler, dass das nicht der Fall ist.

Mädchen haben in der Schule die Nase vorn. Das ist so offensichtlich, dass inzwischen die Rede von einer "Krise der Jungen" ist. In fast allen Mitgliedstaaten der EU und der OECD beginnen beispielsweise mehr junge Frauen als junge Männer ein Hochschulstudium, weil Mädchen in der Schule erfolgreicher sind. Und auch hierzulande sind Mädchen das starke Geschlecht im Schulsystem. 2007 machten zum Beispiel 29,4 Prozent aller Mädchen Abitur an allgemeinbildenden Schulen, bei den Jungen war es nur 20,6 Prozent. Die Politik ist inzwischen alarmiert von der Krise der Jungen, und so heißt es im Koalitionsvertrag, es solle eine "eigenständige Jungen- und Männerpolitik" entwickelt werden.

Tatsächlich scheint auf den ersten Blick ein Zusammenhang zwischen dem Anteil weiblicher Lehrkräfte und dem unterschiedlichen Bildungserfolg von Jungen und Mädchen zu bestehen. So ist sowohl im Bundesländer-Vergleich als auch im Vergleich der OECD-Staaten das gleiche Phänomen zu beobachten: Je mehr Frauen in einem (Bundes-)Land unterrichten, desto erfolgreicher sind Schülerinnen im Vergleich zu Schülern. Helbig stellte mit Landmann und Neugebauer nun jedoch unter anderem fest, dass weder Mädchen noch Jungen bei ihren Kompetenzen oder Noten von einem Lehrer des jeweils gleichen Geschlechts entscheidend profitieren. Die Leseleistung von Jungen und Mädchen leidet sogar, wenn sie vier Jahre lang von einem Mann in Deutsch unterrichtet wurden.

Zwar wurde in den Studien die Bedeutung des Geschlechts der Lehrkräfte für das kognitive Lernen und die Notenvergabe beleuchtet, während psychologische Dimensionen - etwa für das Rollenverhalten der Jungen - nicht einbezogen wurden. Dennoch wird klar, dass ein pauschaler Ruf nach mehr Männern im Lehrerberuf unbeabsichtigte Folgen haben kann - die Mädchen wie Jungen in ihrer Kompetenz-Entwicklung sogar schaden können. Es zeigt sich aber auch: Die Konzentration auf die vermeintlich negativen Auswirkungen von weiblichen Lehrkräften für die Bildungschancen von Jungen könnte den Blick auf die eigentliche Botschaft verstellen - dass nämlich Mädchen heute ihre schulischen Potenziale durch mehr - nicht nur formelle - Gleichberechtigung besser entfalten können.


Zurück

Marcel Helbig:

Lehrerinnen trifft keine Schuld an der Schulkrise der Jungen.

In: WZBrief Bildung 11/ Mai 2010, herausgegeben vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, www.wzb.eu