Karriere 'Grundschulleitung'

Ein Drittel der Schulleitungspositionen an Grundschulen werden von Männern bekleidet, obwohl nur 12 % aller Grundschullehrkräfte männlich sind. Wiebke Bobeth-Neumann hat in einer qualitativen empirischen Studie die möglichen Ursachen für diese Unausgewogenheit untersucht. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und wie Geschlecht als Strukturkategorie Einfluss auf den beruflichen Aufstieg nimmt.


Die Untersuchung analysiert, welche Disposition Grundschullehrkräfte in Schleswig-Holstein für den Aufstieg in ein Schulleitungsamt mitbringen und wie ihr Weg dorthin aussieht. Männer und Frauen gehen diesen Weg unabhängig vom Geschlecht auf sehr unterschiedliche Weisen. Dennoch spielen Geschlechterstereotype bei der Entstehung des großen Ungleichgewichts eine Rolle.


Frauen setzen sich mit dem erwachenden Aufstiegsinteresse stärker mit der eigenen Geschlechtszugehörigkeit auseinander. Sie signalisieren, dass berufliche Fortentwicklung für sie nicht selbstverständlich ist. Tradierte soziale Geschlechterkonstruktionen kollidierten zum Teil sehr stark mit dem aufkommenden Karrierewunsch.


Anders die Grundschullehrer des untersuchten Panels: Für sie ist das Aufstiegshandeln ein wirkmächtiges doing-gender-Instrument. Die Entscheidung für eine Karriere ins Schulleitungsamt befreit sie von Rechtfertigungszwängen zur Wahl des Berufsfeldes, das (insbesondere für Männer) als nicht besonders hoch angesehen gilt. Die Übernahme einer Leitungsposition bringt neben der Belohnung des Aufstiegs auch die Anpassung an die erwartete Karriereorientierung von Männern.


Lehrerinnen akzeptieren nach Ansicht der Autorin Geschlecht statt Kompetenz als hierarchisierendes Kriterium. Männliche Grundschullehrer werden außerdem früh und unmissverständlich ermutigt, Leitungspositionen anzustreben.


Ein höherer Anteil an männlichen Lehrkräften könnte die Frage der Geschlechtszugehörigkeit zunehmend marginalisieren, vermutet die Autorin. Voraussetzung dafür ist jedoch eine verbesserte Genderkompetenz von Grundschullehrerinnen und -lehrern.


Dr. phil. Wiebke Bobeth-Neumann ist Lehrerin in Schleswig-Holstein und pädagogische Studienleiterin am Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Lehraufgaben an der Universität Hamburg. Ihre Untersuchung bietet Studierenden, Schulleiterinnen und Schulleitern sowie Lehrenden in der Lehramtsausbildung interessante Einblicke in Selbstbilder und Erwartungshaltungen von Lehrkräften in Bezug auf Geschlecht und Karriere in der Grundschule.


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Karriere-Grundschulleitung

Wiebke Bobeth-Neumann:
Karriere "Grundschulleitung"
transcript Verlag
Bielefeld 2013
www.transcript-verlag.de