Reflexive Koedukation

Mit dem Modell der reflexiven Koedukation soll die koedukative Praxis reflektiert, weiterentwickelt und neu gestaltet werden. Zielsetzung ist:

  • ein gleichberechtigtes Zusammenleben und -lernen beider Geschlechter zu erreichen
  • geschlechtsstereotype Rollenzuweisungen aufzulösen und alle notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen zu fördern (z.B. bei Mädchen Selbstbewußtsein und Durchsetzungsvermögen, bei Jungen Sozialkompetenz, das realistische Einschätzen ihrer Fähigkeiten und gewaltfreie Konfliktlösung)
  • ein positives Verständnis von männlicher und weiblicher Identität zu ermöglichen und Unterschiede ohne Benachteiligung erlebbar zu machen, d.h. die unterschiedlichen Erfahrungen, Verhaltensweisen, Einstellungen und Vorlieben von Jungen und Mädchen zu respektieren
  • für beide Geschlechter ein breit orientiertes Berufsinteresse zu entwickeln, sie auf ein Leben in Beruf und Familie vorzubereiten, um einengenden Lebens- und Berufsentwürfen entgegenzuwirken

Reflexive Koedukation nimmt die Genderperspektive ein und berücksichtigt, dass Jungen und Mädchen unterschiedlich lernen und unterschiedliche Interessen und Voraussetzungen mitbringen. Alle Elemente der pädagogischen Praxis sollen daraufhin überprüft werden, ob sie die bestehenden Geschlechterverhältnisse stabilisieren, oder ob sie zu einer kritischen Auseinandersetzung und zu ihrer Veränderung beitragen.

Was bedeutet das für die Unterrichtspraxis?
Ein zeitweiser geschlechtergetrennter Unterricht wird dann als sinnvoll betrachtet und eingesetzt, wenn die geschlechtsspezifischen Rollen- und Kompetenzzuweisungen im Unterricht zu Benachteiligungen führen. Das trifft z.B. für Mädchen im Sportunterricht und in den als "männlich" geltenden technisch-naturwissenschaftlichen Fächern zu. In reinen Mädchen- oder Jungengruppen fällt die Geschlechterinszenierung aus der Interaktion heraus und es entwickeln sich andere Lernformen und Leistungserfolge.

Erfahrungen aus Modellprojekten haben gezeigt, dass Mädchen in monoedukativen Gruppen sich mehr zutrauen, ein größeres Maß an Selbstbewußstsein und ein besseres Selbstkonzept bezüglich ihrer Begabung entwickeln. Sie haben so die Möglichkeit, in ihrem Tempo und mit den von ihnen bevorzugten Arbeitsformen sich ungestört mit den Unterrichtsinhalten zu befassen.

Sensibilisierung für Ungleichgewichte
Geschlechtergetrennter Unterricht stellt allerdings nur ein Element der reflexiven Koedukation dar. Es reicht nicht aus, geschlechtergerechtes Lernen und Lehren zu praktizieren, wenn nicht auch die Unterrichtsinhalte und -materialien an den lebensweltlichen Interessen der Jungen und Mädchen anknüpfen und darüber hinaus frei sind von Geschlechterstereotypen. Insgesamt geht es um eine Sensibilisierung, um das Wahrnehmen und Erkennen von ungleichgewichtigen Kommunikationsstrukturen (auch und gerade zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern) und um die Entwicklung von geschlechterbewußten Konzepten und Arbeitsformen auch für den gemeinsamen Unterricht.

Literatur zum Thema

  • Astrid Kaiser, Maria Wigger: "Beispiele für die Arbeit in einer jungen- und mädchengerechten Grundschule". Ergebnisse des niedersächsischen Schulversuchs zum Thema "Soziale Integration". NLI-Bericht 65, Niedersächsisches Landesinstitut für Fortbildung und Weiterbildung im Schulwesen und Medienpädagogik (Hg.), Hildesheim, 2000. 141 S. Das Heft steht zum Download bereit www.nibis.de/nli1/bibl/pdf/nli65.pdf


  • Faulstich-Wieland, Hannelore: Koedukation - Enttäuschte Hoffnungen? Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1991.
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