Regionalworkshop | 'Jungenförderung und Unterrichtsgestaltung'

Lehrerinnen und Lehrer erleben Jungen im Unterricht im Vergleich zu Mädchen als "schwieriger". Häufig entspricht die emotionale und soziale Kompetenz der Jungen nicht den Erwartungen an einen geregelten Unterrichtsablauf. Im zweiten Regionalworkshop der Tagungsreihe "Auch Jungen wollen können – Bausteine für eine gendersensible Schul- und Unterrichtsentwicklung" stand daher die Frage im Mittelpunkt, wie neue Wege der Unterrichtsgestaltung die Lernmotivation verbessern und besondere Stärken fördern können.


Workshop-Unterrrichtsgestaltung_Wolfenbuettel_05-02-14_mUDr. Andreas Müller vom Niedersächsischen Kultusministerium begrüßte zusammen mit Katrin Unger, Schulleiterin der gastgebenden IGS Ravensberger Straße (heute Henriette-Breymann-Gesamtschule), mehr als 40 interessierte Lehrkräfte zum Regionalworkshop in Wolfenbüttel. Einen einführenden Vortrag zu Aspekten der Jungenförderung hielt Olaf Jantz von mannigfaltig e.V. – Institut für Jungen- und Männerarbeit.


Die Neugründung der IGS Ravensberger Straße in Wolfenbüttel bot die besondere Chance, eine moderne pädagogische Konzeption zu entwickeln, wie Katrin Unger betonte. Gemeinsames Ziel aller Lehrkräfte sei es, alle Kinder an ihre Leistungsgrenzen zu führen. Individualisierte Lernformen und Projektlernen sind daher fester Bestandteil des Schulalltages. Bisher werden die Jahrgänge 5 und 6 unterrichtet, etwa zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler sind Jungen.


Workshop-Unterrrichtsgestaltung_Wolfenbuettel_05-02-14_Projekt1_mUUm das problematische Verhalten einzelner Jungen gezielt anzugehen, kooperiert die IGS Ravensberger Straße mit dem AWO peterscamp, erlebnispädagogischer Bereich des AWO Förderzentrums Lotte Lemke in Braunschweig. Das peterscamp-Team unterstützt das Schulkollegium durch systemische Beratung und arbeitet in erlebnispädagogischen Projekten mit den Schülern.


Ungewöhnliche Settings außerhalb des Schulunterrichts fordern die Schüler heraus und geben dabei Möglichkeiten zur Reflexion des eigenen Verhaltens. Im Hochseilgarten etwa stellt sich die Frage: Wie gehe ich mit Angst um? Eine Mountainbike-Tour ruft vielleicht Frustration hervor, die bewältigt werden muss. Auch Gespräche über Wagnis und Vertrauen in andere werden mit den Aktionen angestoßen. Erreicht werden soll eine Auseinandersetzung mit den eigenen Zielen: Welche Ziele habe ich? Oder welche könnte ich haben? Wie kann ich meine Ziele erreichen? Ein Fallbeispiel zeigte, dass der Transfer dieser Erfahrungen in den Schulalltag gelang und die teilnehmenden Jungen zu einer realistischeren Selbsteinschätzung kamen.


Das Schulkollegium entwickelte mit Hilfe der systemischen Beratung eine wertschätzende Haltung gegenüber den "schwierigen" Schülern und machte die Erfahrung, dass Zusammenhalt und Austausch innerhalb des Jahrgangsteams wichtig sind, um erfolgreich zu arbeiten.


Workshop-Unterrrichtsgestaltung_Wolfenbuettel_05-02-14_Boldt1_mUIm zweiten Teil des Workshops stellte Ulrich Boldt, Lehrer an der Martin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld, den Ansatz der "Reflexiven Koedukation" vor. Er beruht auf der dauerhaften Reflexion der eigenen Rolle als Lehrkraft, des Unterrichts und des Schullebens im Hinblick auf geschlechterstereotypes Verhalten. Eine besondere Rolle komme dabei der Elternarbeit zu, so Ulrich Boldt.


Einige Methoden kommen den Bedürfnissen von Jungen besonders entgegen und tragen zur Stärkung des positiven Selbstbildes von Mädchen und Jungen bei. Sie sind im regulären Unterricht leicht anzuwenden – wie alle Teilnehmenden in praktischen Übungen selbst erfahren konnten.


Die gemeinsame Schlussrunde zeigte noch einmal das große Interesse der Lehrkräfte an praktikablen Fördermöglichkeiten. Um dem entgegenzukommen, ist die Erstellung einer Handreichung für Lehrkräfte mit den Ergebnissen der Tagungsreihe geplant.


Fotos: Gleichberechtigung und Vernetzung e.V.


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