Interview mit einem Ausbilder

Harald Wiora ist Ingenieur und leitet seit 1999 das Ausbildungszentrum für technische Berufe bei der Continental AG. Schülerinnen und Schüler können unter 16 Fachrichtungen wählen.Die Continental AG beteiligt sich regelmäßig am Girls Day und lädt Mädchen deutschlandweit in die Fabriken und Werkstätten ein.

Wie läuft eine Bewerbungsrunde bei Ihnen?
Harald Wiora: Wir sehen uns die Bewerbungsunterlagen und Zeugnisse an und laden die Besten zu einem allgemeinen Wissenstest mit anschließendem Bewerbungsgespräch ein.

Wer hat gute Chancen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen?
Harald Wiora: Bewerberinnen und Bewerber, die sich gut vorbereiten und unseren Anforderungen, zum Beispiel Zuverlässigkeit, Motivation sowie handwerkliche und technische Fertigkeiten, am besten entsprechen.

Wie viele Bewerberinnen haben Sie?
Harald Wiora: Zirka 10 Prozent. Wir würden uns aber über mehr Bewerbungen junger Frauen freuen, denn die technischen Berufe sind durchaus kreativ und auch für Mädchen das beste Fundament für den späteren Berufseinstieg.

In einer Gruppe, in der Jungen in der Überzahl sind, ist es sicher anders als in der Schule?
Harald Wiora: Es sind zwar mehr Jungen, doch auch die müssen sich wie alle anderen auch in die Gruppe integrieren. Und das schaffen die Mädchen hier sehr gut. Sie sind - auch hier gibt es Ausnahmen - sozial kompetent und die Jungen schätzen ihre Arbeit wie die ihrer männlichen Kollegen. Es gibt hier kaum noch auffällige Unterschiede. Es wird von den Jugendlichen als selbstverständlich angenommen, dass auch Mädchen hier schweißen, feilen und bohren. Ähnliche Eindrücke habe ich auch bei den im zweiten Lehrjahr stattfindenden betrieblichen Ausbildungsabschnitten.

Gibt es denn Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen, die erst auf den zweiten Blick auffällig sind?
Harald Wiora: Ja, die gibt es. Ich habe festgestellt, dass sich Mädchen sehr viel bewußter für diese Ausbildung entscheiden. Sie sind stärker motiviert und schließen in der Regel mit sehr guten Leistungen ab. Jungs probieren eher einmal aus, ob es das Richtige für sie ist. Mädchen wissen das meist schon vorher.

Was ist an technischen Berufen kreativ?
Harald Wiora: Technikerinnen und Techniker probieren gerne aus, um eine Lösung zu finden. Und diese Lösung darf auch nur ein bestimmtes Budget haben. Eine kreative Herausforderung. Improvisieren, experimentieren, Ideen finden gehören zum Alltag, um diese Vorgaben zu erfüllen. Nicht immer ist technische Arbeit mit dreckigen Händen gleichzusetzen.

Sie sind selbst Ingenieur. Welche Vorteile haben technische Berufe noch?
Harald Wiora: Wenn man einmal die abstrakte Welt begriffen hat, fallen wirtschaftliche oder soziale Zusatzqualifikationen später sehr viel leichter. Es sind also viele unterschiedliche Berufseinstiege möglich. Warum sollten sich Mädchen diese Chance entgehen lassen?

Braucht man eine bestimmte Leidenschaft für Technik?
Harald Wiora: Ja, sicher, sonst wäre es sehr schwer, sich damit ein ganzes Berufsleben zu beschäftigen. Uns begleitet Technik jeden Tag. Hinter die Dinge des Alltags zu schauen, kann daher auch ein starker Antrieb sein.

Fehlt den Mädchen diese Leidenschaft oder die Neugier für Technik?
Harald Wiora: Ich denke nicht. Viele - und das finde ich sehr bedauerlich - wissen einfach nicht, ob sie Technik begeistert. Es fehlt an Freiräumen in der Schule, dies einmal zu testen, frei von Lernzwängen zu probieren und dann zu sagen, ob es Spaß macht oder nicht. Wenn Mädchen abseits der Schule dazu Gelegenheit bekommen, sind sie durchaus fasziniert und gehen meist diesen Weg auch weiter.

Linktipp:

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